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Zeit schwingt« Zeitgefühl »Jahr des Heils

 

Menschliches Zeitgefühl

 

Welches menschliche Organ misst die Zeit

 

Ein Zeitorgan konnte im Menschen bisher nicht gefunden werden. Selbst wenn der Puls immer im gleichen Takt schlagen würde - kein Organ im Körper zählt die Schläge automatisch und könnte die verflossene Lebenszeit angeben. Vielfach wird das bedauert, und schon oft wurde der Verdacht geäußert, dass es ein zuverlässiges ”Zeitorgan” sicherlich gibt, wir es nur noch nicht entdeckt haben.

 

Die innere Uhr?

 

Gefühlsmäßig kann der Mensch verronnene Zeit nur in sehr eingeschränktem Maße bestimmen. Manchmal können wir ohne Blick auf die Uhr oder die Sonne genau sagen, wie spät es ist. Eine gewisse innere Uhr ist da. Aber ihr Lauf hängt vielfältig von Gefühlen und äußeren Bedingungen ab. So kommt es uns manchmal vor, als verginge die Zeit nicht - ein andermal verrinnt uns der gleiche Zeitabschnitt viel zu schnell.

 

Zeitorgan

 

Schade, sagte der Wissenschaftler,
dass der Mensch
ein so ungenaues Gefühl für Zeit hat.

 

Danke, denke ich,
dass andere Gefühle
in mir viel zuverlässiger sind.

 

Schade, sagte der Wissenschaftler,
dass der Mensch
kein Zeitorgan hat.

 

Mensch und Uhr - Wo ist das Zeitorgan?

 

Danke, denke ich,
dass andere Organe
mein Leben regeln.

 

Schade, sagte der Wissenschaftler,
dass das Herz
mal schneller und mal langsamer schlägt.

 

Danke, denke ich,
dass ich manchmal
Herzklopfen habe.

 

Schade, sagte der Wissenschaftler,
dass der Puls
den Takt so oft wechselt.

 

Danke, denke ich,
dass kein Quarzstab
meine Schwingungen regelt.

 

Schade, sagte der Wissenschaftler,
dass das Gehirn
den Puls nicht automatisch zählt.

 

Danke, denke ich,
dass ich meinen Kopf
für Wichtigeres freihaben darf.

 

Schade, sagte der Wissenschaftler,
dass kein Zeiger
verstrichene Lebenszeit angibt.

 

Danke, denke ich,
dass das geschenkte Leben
in anderen Händen liegt.

 

Danke,
dass der Mensch
nicht digital denkt,
dass er so
unberechenbar ist,
dass nicht alles
vorhersagbar ist.

 

Danke,
dass Glaube, Hoffnung, Liebe
alle Berechnungen zunichte machen
- gegen den unermüdlichen Versuch
mancher Wissenschaftler,
das Gegenteil zu beweisen

Weiter: Zeit empfinden

 

Zeit an sich ist sinnleer

 

Zum Glück tragen wir Menschen kein natürliches Zeitmessgerät in uns. Zeit an sich ist sinnleer, gibt nur Abstände an zwischen zwei sich wiederholenden Ereignissen an. Wir Menschen haben die Fähigkeit, diese an sich leeren Abschnitte mit Sinn zu füllen. Ist Zeit mit Inhalt gefüllt und berührt sie unsere Seele, so können wir sie empfinden. Was eine Uhr oder ein Kalender nicht vermag.

 

Wir spüren die großen Abschnitte, wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter, die Zeit der Jugend und das Alter. Zeiten der Begegnung, der Hoffnung, der Enttäuschung, der Trauer erleben wir gefühlsmäßig, mit allen Sinnen.

 

Auch der Mensch hat Schwingungen, und dahinter steht eine Kraft, die diese in Bewegung hält - wie bei der Uhr. Physikalisch gesehen ist dieser Rhythmus zu grob und zu unregelmäßig, als dass man damit die Zeit angeben könnte. Wie eine Zeit gefüllt ist, welchen Wert sie hat, welche Bedeutung ein Tag, eine Jahreszeit, ein Jahr hat, dass kann jedoch nur der Mensch ermessen. Dafür ist er mit der Seele ausgestattet.

 

Verwundete Zeit

 

Mit dem Abschied des geliebten Menschen
erstarb für dich die Zeit.

 

Unsere Blicke treffen sich, doch es ist,
als ob wir in verschiedenen Zeiten leben.
Meine Zeit ist nicht deine Zeit.
Für dich ist sie stehen geblieben.

 

Wie in einem leeren Raum bewegst du dich.
Die Farben der Jahreszeit,
die ich dankbar aufsauge,
erreichen dich nicht.

 

Die Sonnenstrahlen,
die mein Gesicht erhellen,
leuchten nicht in dein Dunkel.

 

Die Klänge der Welt,
die mich so beschwingen,
dringen nicht an dein Ohr.

 

Welche Schwere liegt auf deinen Gedanken.

Du möchtest gerne meine Zeit mit mir teilen.
Ich würde viel dafür geben,
den Weg in deiner Zeit mit dir zu gehen.

 

Uhr liegt transparent auf dem Gesicht einer jungen Frau

 

Zeit heilt alle Wunden, denke ich.
Ich versuche es dir zuzurufen,
um irgendwas zu tun für dich.
Ich weiß, dass solche Worte
dich nicht erreichen können.

 

Und so gebe ich dir die Zeit,
von der ich hoffe,
dass sie heilend dich begleitet.
Ich kann sie nicht beschleunigen,
sie geht mit dir Hand in Hand,
nimmt den Rhythmus deiner Seele an.

 

Ich weiß, dass du der Zeit nicht traust.

 

Ich sehe deine bangen Fragen:
Was ist, wenn sie doch nicht alle Wunden heilt?
Wie groß werden dann deine Schmerzen bleiben.
Gibt die Zeit ihren Heilungsversuch irgendwann auf?
Wie wetterfühlig werden die Narben sein?

 

Ich weiß, dass deine Zeit
und meine Zeit wieder ineinanderfließen werden.
Dann erst werden wir uns wieder
sehen, verstehen, begegnen.

 

Dann wird die Zeit für uns die gleiche sein.
Wir werden uns unsere Narben zeigen
und uns näher sein, als je zuvor.

 

Beide Bilder: pixabay: Gerd Altmann (Gefühlte Zeit)